Donnerstag, 18. Oktober 2018

Working Mum - Vereinbarkeit von Familie und Beruf - Geht das denn?

Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist momentan in aller Munde und brandaktuell. Doch was genau heißt das eigentlich?

Ich definiere das so: Die Berufstätigkeit und das Familienleben lassen sich so unter einen Hut bringen, dass beide Bereiche ohne größere Schwierigkeiten nebeneinander bestehen können.

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Nun ist das eine sehr allgemeine Definition. In der Realität wird diese Vereinbarkeit wohl sehr unterschiedlich und individuell wahrgenommen. Sie sieht auch in jeder Familie anders aus. Zudem finde ich, dass sie von diversen äußeren Faktoren abhängig ist, die man selbst oft nur schwer oder gar nicht beeinflussen kann, z.B. KiTa-Platz, Arbeitsumfang, Arbeitszeiten, individuelle Belastbarkeit, persönliche Bedürfnisse und Prioritäten, familienfreundliche Arbeitgeber und vieles mehr.

Die Vorzeige - Working-Mum


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Bei ihr klappt alles wie am Schnürchen. Nach einem ausgewogenen Smoothie-Frühstück (natürlich selbst gemacht) und dem Befüllen der Kinderfrühstücksdose mit Gemüse-Sticks und ausgestochenen Sternchen-Broten, bringt sie mit Leichtigkeit und Kinderlieder trällernd ihr Kind in die KiTa. Das Kind rennt freudestrahlend in die KiTa-Gruppe, sie kann los. Fährt dann gut gelaunt weiter zur Arbeit, während sie auf dem Weg schon völlig strukturiert erste Einkäufe erledigt und sogar noch Zeit für ein Pläuschchen mit der Kassierin findet. Beim Job angekommen, arbeitet sie erfüllt und hocheffizient 8 Stunden mit Pause. Auf dem Heimweg werden die restlichen Einkäufe getätigt, das Kind abgeholt und nach Hause gefahren. Dort angekommen, händelt sie den Haushalt und das Kochen des Abendessens mit Links, während das Kind mit der rechten Hand bespaßt, bespielt und gefüttert wird. Abends kommt der Ehemann nach Hause, bringt das Kind ins Bett, während sie die Einkaufsliste für den nächsten Tag schreibt, ihre und die Klamotten des Kindes rauslegt und zu guter Letzt ein entspanntes Erholungsbad mit Lavendelduft genießt. Von Stress ist bei ihr nichts zu spüren. Beide Aufgaben, also Familie und Beruf erfüllen sie gleichermaßen und stehen sich gegenseitig in keinster Weise im Wege.


Die Quaos - Working-Mum

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Sie stolpert durch den Tag. Regelmäßig wird verschlafen, weil sie abends über dem Weckerstellen einschläft. Morgens ist Stress angesagt, das Frühstück fällt aus und in der Frühstücksdose für das Kind ist ein hektisch mit Frischkäse beschmiertes Brötchen vom Vortag und eine Gewürzgurke. Auf den letzten Drücker kommt sie mit ihrem Kind in der KiTa an, gerade noch rechtzeitig für das Frühstück. Das Kind weint beim Abschied und es dauert dadurch nochmal 5 Minuten länger, bis sie sich auf den Weg in die Arbeit machen kann. Dort kommt sie mit Verspätung an, erntet trotz Entschuldigung böse Blicke vom Chef und versucht möglichst strukturiert ihrer Arbeit nachzugehen. In Gedanken aber immer wieder beim Kind, weil es sich heute so schlecht trennen konnte. Nach der Arbeit wird der Einkauf, der vorher wegen der Verspätung nicht mehr drin war, nachgeholt. Dann das Kind abgeholt, es will natürlich nicht mit nach Hause und die Tränen vom Morgen sind längst vergessen. Zu Hause fällt ihr auf, dass sie zwei wichtige Zutaten für das Abendessen in der Hektik beim Einkauf vergessen hat, sie muss improvisieren. Das Kind hängt an ihrem Hosenbein, während sie schwitzend vor dem Herd steht und schon nervös wird, wenn darauf mehr als ein Topf steht. Irgendwie wird daraus doch noch ein ganz passables Essen. Es wird vor dem Fernseher verzehrt, damit auch sie mal 5 Minuten die Beine hochlegen kann. Sie bringt abends das Kind ins Bett, weil es von Papa nicht ins Bett gebracht werden will. Danach verschiebt sie die Wäsche, das Staubsaugen und das Badputzen auf den nächsten Tag (genau wie gestern und vorgestern und vorvorgestern). Sie weiß nicht wo ihr der Kopf steht und Familie und Beruf sind gleichermaßen vom Chaos betroffen. 


1 Million Zwischenformen

Das sind jetzt natürlich zwei völlig überspitzt dargestellte Extreme. Es gibt wahrscheinlich eine Million Zwischenformen. So wie mich. Ich bin Working Mum seit Mitte Februar 2018 und erkenne mich in beiden Extremen wieder. Grundsätzlich macht mir mein Job weiterhin viel Spaß. Ich arbeite gern mit Kindern und Menschen zusammen, führe gerne ein Team, trage gern Verantwortung. Mein Kind ist wundervoll betreut und geht so gerne in die KiTa, dass sie selbst am Wochenende danach fragt. Ich muss mir also um sie und ihr Wohlergehen während meiner Arbeitszeit keine Sorgen machen. Das macht vieles einfacher. Ich arbeite in Teilzeit, kann das Äffchen in der Regel am frühen Nachmittag abholen und theoretisch so noch viel Zeit mit ihr verbringen. 

Von der Theorie her klingt das also alles ziemlich einfach und vereinbar, obwohl ich durchaus auch in Hektik verfalle, wenn zwei Töpfe am Herd stehen und ich nicht selten mit einer lebenden Fußfessel am Bein koche. Immerhin gelingt es mir auch zwischendurch mal zu frühstücken oder ein paar Einkäufe vor der Arbeit zu erledigen. Allerdings kommt es auch oft genug vor, dass ich dabei irgendwas vergesse... Es gibt in der Praxis also schon noch ein paar offene Punkte, Schwierigkeiten, Zwiespälte:

Auch wenn mir der Job Spaß macht, ist doch nichts mehr so wie es vor meiner Schwangerschaft war. Da habe ich Vollzeit gearbeitet. Ich hatte die Führungsposition inne, wurde vom Team sehr geschätzt. Ich war sehr flexibel, blieb länger wenn nötig, konnte Geschäftstermine legen wie ich wollte etc. Mein Leben war also schon voll auf Arbeit ausgerichtet und das fand ich auch gut. Der Haushalt ist schon damals öfter zu kurz gekommen, aber das lag vielleicht auch an meiner fehlenden Motivation...

Heute ist alles anders: Ich arbeite Teilzeit und teile mir die Führungsposition mit meiner Leitungskollegin, die Vollzeit im Haus ist. Sie hat großes Verständnis für mich als Mutter, nimmt Rücksicht auf meine Urlaubswünsche usw. Das ist wirklich viel wert! Doch irgendwann muss ich den Stift fallen lassen, um das Äffchen abzuholen. Dabei wäre ich evtl. am Nachmittag noch ganz gerne bei einem wichtigen Termin dabei. Einerseits... Andererseits kann ich es kaum erwarten, mein Äffchen abzuholen, mit ihr zu spielen, zu staunen, zu kuscheln. Denn, auch wenn das manchmal anstrengend ist, erfüllt es mich und macht mich unendlich glücklich. Der Haushalt muss so nebenher laufen. Das klappt mal mehr, mal weniger und die Zeit mit dem Lieblingsmann ist heute ähnlich rar, wie vor dem Äffchen.

Läuft!(?)

Objektiv betrachtet klappt das mit der Vereinbarkeit also bei uns. Job läuft. Familie läuft. Aber nur weil es irgendwie (mit viel Gestopfe) unter einen Hut passt, heißt es für mich eben noch lange nicht, dass es perfekt ist. Es bleibt trotzdem der Zwiespalt zwischen: Mein Team voll und ganz unterstützen zu können und meinem Kind mit all seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Vom Lieblingsmann gar nicht erst zu reden. Ich finde schon, dass meist irgendetwas auf der Strecke bleibt, mal das Eine, mal das Andere. Dass mal das Äffchen zurückstecken muss, weil ich doch einen Abendtermin wahrnehme und sie nicht ins Bett bringen kann oder nachmittags statt gemeinsamem Spielen staubsaugen und Wäschewaschen auf dem Programm stehen. Und dass manchmal das Team hinten ansteht, weil ich mit dem kranken Äffchen zu Hause bleiben muss oder eine wichtige Frage erst am nächsten Tag geklärt werden kann.

Anders

Es ist eben anders. Deshalb stört mich diese Vereinbarkeitsnummer ein bisschen und ist irgendwie auch utopisch: Ich habe mich sehr bewusst dazu entschieden Mutter zu werden und möchte das nicht missen. Damit bin ich auch bereitwillig das Risiko eingegangen, dass meine "Karriere" bei meinem Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Elternzeit eine andere sein wird. Es wird jetzt eben immer dieses (absolute Wunsch-)Kind geben, dem mein Herz ganz gehört, für das ich bereit bin alles zu geben. Das auch nicht mehr zulässt, dass ich eine "Karrierefrau" bin. Nicht, weil es organisatorisch mit langen KiTa-Öffnungszeiten etc. nicht möglich wäre, sondern, weil ich eine Andere geworden bin, eine "Fulltime-Mami" mit Leib und Seele. Erst seit ich das voll und ganz erkannt und akzeptiert habe, kann man überhaupt (irgendwie) über Vereinbarkeit sprechen. 

Freimachen

Und noch etwas ist für mich unheimlich wichtig: Sich also Mutter frei zu machen von den gesellschaftlichen Erwartungen an uns Working Mums. Denn aus der Sicht der Gesellschaft gibt es nur ein Gut und ein Schlecht. Die oben genannte "Vorzeige-Working-Mum" ist das, was alle Mütter sein sollen. Die Quaosqueen wird hier eher als Versagerin gesehen, die nichts auf die Reihe bekommt. So ist es aber nicht. Denn aus meiner Sicht gibt es die "Vorzeige-Working-Mum" nicht. Das ist nicht zu schaffen und wenn, dann nur mit Unterstützung. Die hat aber nicht jeder. Und nicht jeder hat einen wundervollen Betreuungsplatz und ein KiTa-begeistertes Kind. Nicht jeder ist so strukturiert. Deshalb, liebe Quaos-Queens und Zwischenform-Mums: Wir sind gut so wie wir sind und wir machen das großartig!!!

Dankbarkeit

Es ist hier, wie bei so vielen Dingen im Leben: Man kann nicht alles haben und sollte das Beste aus Allem machen. Ich bin dankbar für meinen Job, die damit verbundenen Aufgaben und die tollen KollegInnen. Und ich bin glücklich und dankbar für meine Familie. Meinen Mann, der soviel arbeitet, dass für mich ein Teilzeitjob reicht. Und für mein Äffchen, das mir gezeigt hat, was Familie und bedingungslose Liebe bedeutet.



Wie ist es bei euch? Wie bringt ihr das alles unter einen Hut? Welche Geheimwaffen und -Rezepte habt ihr?

 

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Autonomie-Phase: Erzieher-Ich vs. Mutterherz

Meine beiden Ichs diskutieren mal wieder. Beim letzten Mal ging es um die KiTa-Eingewöhnung und ihr könnt in drei Teilen hier, hier und hier nachlesen, wie es ausgegangen ist.

Diesmal beschäftigt sie das Thema Autonomiephase. Das Erzieher-Ich weiß viel über diese oft nervenaufreibende und intensive Phase und gibt euch und meinem Mutterherz jetzt erstmal ein paar wichtige Infos dazu:

Smiley Wut Böse Sauer Lustig Rot Süß Niedl
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„Eins ist klar: Jedes Kind durchlebt die Autonomiephase (das Eine mehr, das Andere weniger) und das ist auch gut so! Sie ist dringend nötig, denn sie trägt entscheidend zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Die Kinder entwickeln in dieser Phase ein Ich-Bewusstsein, nehmen wahr, dass sie eigenständige kleine Persönchen sind und entdecken ihren eigenen Willen. Und sobald sie sich dieser Sache bewusst sind, wollen sie ihn natürlich auch durchsetzen. Sie wollen austesten und von dieser neuen Erkenntnis und Fähigkeit Gebrauch machen. Eigentlich gar nicht schlecht, denn wünschen sich nicht alle Eltern für ihr Kind Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein? Nur durch diese Phase können die Kinder diese erlangen. Es gibt nur ein Problem. Die Kinder können in dieser Entwicklungsphase ihre negativen Gefühle noch nicht kontrollieren oder kanalisieren, sondern werden förmlich von ihnen übermannt. Heißt also, wenn sie ihren Willen nicht bekommen und ein Nein zu hören bekommen, kommt das gar nicht gut an. Das Nein kann unterschiedliche Gründe haben: Gefahr der Sicherheit, aufgestellte Regeln, Grenzüberschreitung oder Ähnliches. Das Kind darf also seinen eigenen Willen nicht ausleben und schon brechen die Gefühle aus wie ein Vulkan. Das endet gerne in lautem Geschrei, um sich schlagen und ähnlichen Verhaltensweisen. Die Kinder haben in diesem Alter einfach schlicht noch wenig bis gar keine Frustrationstoleranz. Die Ursache liegt im Gehirn. Das Gehirn hat zwei Bereiche, die im Idealfall eng zusammenarbeiten: Den rationalen Teil und den emotionalen Teil. Bei einem Erwachsenen holt der rationale Teil den emotionalen Teil wieder runter, wenn er von negativen Gefühlen übermannt wird. Die Gefühle werden also reguliert. Im Gehirn eines Kleinkindes funktioniert diese Zusammenarbeit noch nicht so gut. Ist der emotionale Bereich erstmal auf der Palme, hat der rationale Teil keine Chance mehr. Das ist auch der Grund, warum das Kind in dem Moment für gutes Zureden und logisch erklärte Argumente nicht empfänglich ist. Es nimmt sie gar nicht wahr, befindet sich quasi in einem Tunnel.

Wenn das Kind also einen Wutanfall bekommt, ist das eine entwicklungsbedingte Sache und hat nichts mit der Bindung zu den Eltern zu tun. Es gibt keinen Grund, dieses Verhalten persönlich zu nehmen. Irgendwann im 4. Lebensjahr des Kindes ist der Spuk (weitestgehend) vorbei, dann kann es nämlich immer mehr seine Gefühle regulieren und kanalisieren, z.B. durch Rückzug, Kuscheln o.Ä.“

Hier hakt das Mutterherz ein und sagt: „Nicht persönlich nehmen? Ich bin ehrlich: Wenn mein Kind wütet - und ich habe schon öfters mal ein tollwütiges Äffchen -  schreit, lautstark weint und um sich haut, wenn ich auf sie zugehen möchte, nehme ich das durchaus persönlich! Als Mutterherz fühle ich mich zurückgestoßen und als Tröster nicht akzeptiert. Außerdem fühle ich mich hilflos und weiß nicht, was ich tun soll. Das Äffchen so außer sich zu sehen schmerzt einerseits, andererseits macht mich ihr Verhalten manchmal wahnsinnig und an manchen Tage ist es unheimlich nervenaufreibend!

Das Erzieher-Ich nickt wissend und erwidert: „Wichtig ist: Das Kind verhält sich nicht so, weil es die Eltern ärgern will. Auch für das Kind ist eine solche Situation anstrengend und schwierig. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, das Kind als Erwachsene (ob Eltern oder Erzieher) in der Situation wertschätzend zu begleiten. Schnell findet man raus, ob das Kind in dem Moment in Ruhe gelassen werden möchte oder nicht. Auch wenn es den Inhalt in dem Moment wegen der überschäumenden Emotionen nicht versteht, fühlt das Kind doch, wenn der Erwachsene beruhigend auf es zugeht oder ihm einen wertschätzenden Blick zuwirft. So erfährt das Kind: Deine Gefühle sind okay. Ich liebe dich, wie du bist! Nach dem Wutanfall, wenn die Emotionen abgeflaut sind, kann dann in Ruhe nochmal über die Situation gesprochen werden und erklärt werden, warum der Erwachsene dem Willen des Kindes nicht nachgeben konnte und ggf. kann dann sogar im gemeinsamen Gespräch ein Kompromiss gefunden werden.

Nichtsdestotrotz sollte das Nein auch nicht vermieden werden, um mögliche Konflikte zu Umgehen. Das Kind muss, um autonom zu werden, auch lernen, dass es andere Meinungen gibt, dass auch der andere Mensch einen eigenen Willen hat und auch dieser eben manchmal respektiert werden muss. Daher sollte nicht klein beigegeben werden, wenn sich ein Wutanfall anbahnt, nur um des lieben Friedens willen.“

„Ok“- sagt das Mutterherz, „danke für den Tipp mit dem gemeinsamen Gespräch nach dem Wutanfall. Ich versuche mir das zu Herzen zu nehmen und das Ganze etwas rationaler anzugehen. Ich verstehe nun, dass das Äffchen in dem Moment nicht anders kann und aufgefangen werden muss. Aber die Sache mit dem Nein-Durchsetzen und der „übertriebenen“ Konsequenz finde ich auch zu viel des Guten. Auch wir Erwachsenen können mal Fünfe grade sein lassen und durch Reflexion auch das eigene Verhalten überdenken. Ich finde schon, dass man auch in einem Wutanfall mal nachgeben kann. Manchmal merkt man ja auch erst dann, wie wichtig dem Kind die Sache gerade ist oder versteht erst nach der heftigen Reaktion, worauf das Kind eigentlich hinaus wollte. Das heißt, man muss auch nicht immer B sagen, wenn A im Nachhinein betrachtet gar nicht in Ordnung war!“

Das Erzieher-Ich gibt zu: „Da gebe ich dir Recht. Fakt ist: Je weniger Nein die Kinder hören und je öfter sie ihren freien Willen ausleben können, desto weniger müssen sie lautstark versuchen, ihn durchzusetzen. Die Erwachsenen sollten daher auch gut überlegen, wann ein „Nein“ angebracht ist. Muss es wirklich sein? Oder ist es nicht auch manchmal die Bequemlichkeit, die uns „Nein“ sagen lässt?
Eine Ja-Umgebung ist nämlich durchaus sinnvoll. Sie gibt den Kindern Freiheit, stärkt das Selbstbewusstsein und schenkt Vertrauen in das Handeln und Wollen des Kindes. Trotzdem sind auch die Bedürfnisse und Wünsche der Eltern wichtig und sollten berücksichtigt werden.“

Nun nickt das Mutterherz zufrieden und sagt: „Eigentlich sind wir uns ja einig. Wichtig ist uns beiden, dass das Kind wertschätzend durch die Wutanfälle und die ganze Autonomiephase begleitet wird. Du gehst da etwas rationaler an die Sache ran, ich etwas emotionaler. Eigentlich ergänzen wir uns doch ganz gut!“

Das Erzieher-Ich und das Mutterherz geben sich ein High-Five und wenden sich wieder dem Äffchen zu.


Dienstag, 9. Oktober 2018

Kreative Spielidee mit Kastanien: Kastaniengolf

Diese Jahr war unsere Kastanien-Ausbeute wirklich riesig. Wir haben sie säckeweise nach Hause geschleppt und einen Sack dann auch in Äffchens KiTa abgegeben, da wir nicht mehr wussten wohin damit. So können jetzt die KiTa-Kinder damit basteln, spielen, fühlen, sortieren usw.

Auch das Äffchen hat ihre Kastanien ausgiebig bespielt und dabei ist eher zufällig ein lustiges Spiel entstanden, welches ich gerne mit euch teilen möchte. Gerade in Anlehnung an meinen vorigen Blogpost Freispiel möchte ich hiermit nochmal aufzeigen, wie kreativ  Kinder werden können, wenn sie den Raum dafür bekommen.

Und so kam es: Das Äffchen hat im Wohnzimmer mit den Kastanien gespielt, sie gerollt, sortiert uvm. Dabei sind ihr aber immer wieder einige Kastanien ziemlich weit unter das Sofa gerollt. Mit der bloßen Hand kamen wir da nicht mehr ran. In meiner Not habe ich also einen Kochlöffel geholt und die Kastanie mithilfe des Kochlöffels wieder hervorbugsiert. Das Äffchen war begeistert und wollte den Kochlöffel ebenfalls zum Spielen haben. Ich widmete mich dann wieder dem Kochen (zum Glück habe ich noch mehr Kochlöffel), denn das Abendessen musste zubereitet werden. Einige Zeit später hörte ich ein herzliches Kichern aus dem Wohnzimmer. Ich ging der Sache auf den Grund und sah, dass ein neues Spiel, nämlich das „Kastaniengolf“ entstanden war.

Wie geht es?

Man nehme eine Handvoll Kastanien und für jeden Mitspieler einen Kochlöffel (kann aber auch alleine gespielt werden). 

Nun wird der Kochlöffel einfach als Golfschläger umfunktioniert und die Kastanien durch die Gegend geschussert.

Spielvarianten für einen oder mehrere Mitspieler:

-        Wer kann die Kastanie am weitesten schussern?

-        Kastanien durch ein Hindernis (z.B. zwei Bausteine) oder in ein improvisiertes Tor schussern

-        Kastanien-Kegelgolf: Mit Hilfe des Kochlöffels improvisierte Kegel (z.B. kleine leere Plastikflaschen) mit den Kastanien umkegeln

Sicherlich fallen euch und euren Kindern dazu auch noch eigene Spielvarianten ein. Viel Spaß beim Ausprobieren!
Weitere Kastanienspielideen findet ihr hier.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Freispiel -Warum freies Spiel so wichtig ist und Mütter kein schlechtes Gewissen haben müssen

Konflikt „Sinnvolles“ Spielen vs. Haushalt
 


Wir Mamas kennen ihn alle, den Konflikt „Sinnvoll Spielen“ mit dem Kind vs. Haushalt. Dies ist vermutlich eine typische Szene in unserem Familien-Alltag: Mama und Kind kommen nach Arbeit und KiTa (oder Schule) nach Hause. Das Kind läuft freudig ins Kinderzimmer und ruft „Mama, komm!“. Es möchte mit der Mama spielen, basteln, Bilderbücher lesen. Vielleicht möchte es auch einen Kuchen backen oder ähnliches. Die Mama würde nichts lieber tun, als das. Schließlich möchte sie Zeit mit dem Kind verbringen und es zudem „pädagogisch sinnvoll“ beschäftigen. Doch auf der To-do-Liste stehen noch viele andere Punkte: Staubsaugen, Bad putzen,  Wäsche waschen uvm. 


Und die Gesellschaft (oder wer auch immer) ist der Meinung, Mamas müssten beides gleichzeitig mit links hinkriegen. Der Haushalt soll perfekt sein, sonst gilt man als schmuddelig oder faul. Und das Kind soll an allen Ecken und Enden gefördert werden. Deshalb werden sie schon bevor sie bis Drei zählen können in immer mehr Kurse geschickt. Musikalische Früherziehung, Babyschwimmen und Pekip sind nur ein paar wenige Beispiele. Versteht mich nicht falsch, ich möchte hier diese Kurse keinesfalls verteufeln. Im Gegenteil, ich finde das Angebot für Kinder toll. Ich glaube nur, dass viele Mütter ihre Kinder aus den falschen Beweggründen dorthin bringen. Nämlich aus Angst, dass sie sonst nicht genug lernen könnten, den gleichaltrigen Freunden motorisch oder kognitiv hinterher sein könnten und sie dann als „dumme“ Schulkinder mit zwei linken Händen und Füßen enden. Dabei sollten diese Kurse besucht werden, weil das Kind evtl. einfach viel Freude daran hat. Kinderturnen, weil das Kind sich gerne bewegt und austobt. Musikalische Früherziehung, weil es gerne singt und musiziert oder Tänzerische Früherziehung, weil es sofort abgeht, sobald das Radio läuft. 


Das ist aber noch lange nicht genug. Abgesehen von den Kursen soll das Kind auch zu Hause unbedingt „gefördert“ werden und ausschließlich „pädagogisch sinn- und wertvoll“ beschäftigt werden. Da werden die tollsten Bastelarbeiten herausgesucht, schneiden mit der Schere geübt, der Name wird so oft geschrieben, bis auch schon das dreijährige Kind ihn nachmalen kann und den Müttern fällt ein Stein vom Herzen, wenn das Kind endlich die Fingerfertigkeit besitzt, einen 2-meterhohen Turm aus Bausteinen zu bauen (natürlich farblich sortiert). Das Kind wird von morgens bis abends angeleitet, bespielt und bespaßt. Auch wenn dies von den Eltern gut gemeint ist und sie nur das Beste für ihr Kind wollen, sorgen sie trotzdem unbewusst dafür, dass das Spiel des Kindes somit völlig fremdbestimmt ist.


Und nun kommen wir zu dem Ausgangsszenario bzw. dem Konflikt „Sinnvoll Spielen vs. Haushalt“ zurück. Bei all den Ansprüchen, die die Mütter (aufgrund des gesellschaftlichen Drucks) an ihre Erziehung (und somit an die Kinder) haben, können sie nur scheitern. Denn beides geht nicht. Zumindest bei mir nicht – da bin ich ehrlich! Entweder die Bude glänzt ODER mein Kind wird „sinnvoll dauerbeschäftigt“. Egal wofür wir uns also tagtäglich entscheiden, haben wir ein schlechtes Gewissen, weil das andere (vermeintlich) darunter leidet.



Doch damit möchte ich heute mal aufräumen!


Grundsätzlich finde ich, dass der Haushalt auch mal warten kann und würde mich im Zweifel immer lieber für die Zeit mit dem Kind entscheiden. Aber nicht zwangsläufig, weil ich das Gefühl habe, es ständig fördern zu müssen, sondern, weil ich die Zeit und das Spiel mit meinem Kind sehr genieße. Doch leider klappt das nicht ewig. Irgendwann türmen sich die Geschirrberge in der Küche, der Wäschekorb quillt über und die Wollmäuse auf dem Boden machen sich selbständig. Spätestens dann müssen auch diese unliebsamen Arbeiten also erledigt werden. 


D.h. das Kind ist „gezwungen“ alleine und völlig selbstbestimmt zu spielen. Mit dem Spielzeug, das es liebt, solange es Lust hat. Möglicherweise ganz ohne Förderung… Keiner, der ihm sagt, wie die Bausteine für den Turm angeordnet werden sollen. Der vorgibt, in welcher Farbe der Baum gemalt werden muss. Der aufschreit, weil das Kind zum (scheinbar) völlig „unpädagogischen“ Spielzeug greift. 


Für viele Eltern ein Horrorszenario… Doch für das Kind und dessen geistige Entwicklung ein Segen! Denn das Kind beginnt frei zu spielen.



Was genau heißt Freies Spielen eigentlich?


Freies Spiel heißt (wie schon angerissen), dass die Kinder den Spielort, das Spielmaterial, die Spielpartner und die Dauer des Spiels selbständig entscheiden dürfen.


Natürlich alles immer im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ein 3-jähriges Kind selbst entscheiden zu lassen, dass es (allein) am Bach hinter dem Haus spielen möchte, ist natürlich nicht möglich. Aber ob es im Kinderzimmer, Wohnzimmer oder im Garten spielen möchte schon.



Wofür ist es gut?


Nun ist die Frage, wofür das Freie Spiel nun gut ist. Die Hirnforschung bzw. der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagt:

Durch freies Spiel wird die Gehirnentwicklung maßgeblich gefördert. Und im Kind angelegte Fähigkeiten, Talente etc. werden herausgestellt und sichtbar.
D.h. das Spielen ohne jede (Förder-)Absicht sorgt für die beste Vernetzung im Gehirn.
Denn die Kinder schlüpfen (nicht nur im Rollenspiel) in unterschiedliche Rollen, betrachten vieles aus verschiedenen Blickwinkeln, entwickeln selbständig Problemlösungen und Strategien. So wird das Gehirn auf ganzheitliche Art und Weise stimuliert und vernetzt. Diese Prozesse sind wiederum essentiell wichtig, damit die Kinder überhaupt Kreativität entfalten können. 


Ihr seht, Spielen ist eigentlich mit ganzheitlichem Lernen gleichzusetzen. Und laut Gerald Hüther verfügen Kinder über ein sicheres Gespür dafür, welche Art von Spiel sie gerade weiterbringen kann. 


Hierzu möchte ich ein paar Beispiele aus dem Spielverhalten meines Äffchens besteuern:

Beispiel 1: Bauen



Sie spielt seit Wochen (fast) ausschließlich mit ihren Bausteinen. Es ging los damit, dass ein Turm nach dem anderen gebaut wurde, je höher desto besser. Doch immer nur mit den quadratischen Steinen, die anderen haben sie nicht interessiert. Seit neuestem sind die Türme vergessen, nun werden die Steckplatten im Muster (selbsterdacht) mit quadratischen Bausteinen bestückt. Und ganz neu (seit einigen Tagen) ist dieses Muster farblich sortiert. Unglaublich, was in diesem freien Spiel ganz ohne Förderung (von außen) passiert: 


-          Auseinandersetzung mit den Farben

-          Mathematisches, Strukturiertes Denken

-          Feinmotorik

-          Geschicklichkeit

-          Konzentration und Ausdauer



Beispiel 2: Puppenmama



Wenn das Äffchen nicht gerade mit den Bausteinen spielt, sieht man sie eigentlich immer mit ihren Puppen, oder „Babys“ wie sie sie liebevoll nennt. Sie füttert sie, bringt sie ins Bett, küsst, kuschelt und pflegt sie. Indem sie das an mir beobachtete Verhalten spiegelt und in ihrem Spiel umsetzt, vernetzen sich im Gehirn diese Wahrnehmung und das Tun zu einem komplexen Wissen über den (meist) liebevollen Umgang miteinander. Was also wird dadurch von ganz allein gefördert?


-          Sozialkompetenzen (Rücksichtnahme, Wertschätzung, Fürsorge, Liebe)

-          Abläufe im Alltatag / Zeitgefühl (Zu Bett gehen, essen)

-          Bindung


Beispiel 3: Puzzlen 
 
 

Vor dieser Bausteine-Puppen-Zeit hat mein Äffchen sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die momentan fast vollständig ausgeblendet sind. Z. B. mit Puzzlen. Hierbei hat sie sich Folgendes (nach ihrem Entwicklungsstand) schon angeeignet:


-          Formen erkennen

-          Augen-Hand-Koordination

-          Zusammengehörigkeit

-          Gegenstände benennen (je nach Puzzle)

-          Sprachentwicklung



Ist das nicht verrückt? Das alles ganz ohne irgendwelche Kurse oder groß angelegte Beschäftigungs- und Förderangebote!



Also liebe Mamas: Nach diesem kleinen Exkurs in die Gehirnforschung und die Entwicklungspsychologie ist eines völlig klar:


Wenn wir uns zwischendurch mal um den Haushalt kümmern, brauchen wir in Zukunft kein schlechtes Gewissen mehr haben! Denn das Kind wird auch im freien, eigenen Spiel genug gefördert, bzw. fördert sich schlicht und ergreifend selbst. Und das noch besser als bei allen Kursen und Angeboten. Es muss also nicht immer um sie herumgespielt, angeleitet und bespaßt werden. Ist das nicht schön? Die Kurse und Angebote können das ganze Lernen natürlich, weil sie auch Spaß machen und evtl. auf individuelle Fähigkeiten und Talente abgestimmt sind, noch schön abrunden. Solange genug Zeit für das Freispiel bleibt. 


Und wenn wir trotzdem mal keine Lust auf den (leidigen) Haushalt haben, können wir unser Kind im freien Spiel begleiten. Wir können Spielpartner sein (wenn das Kind das möchte), uns mit einbringen oder einfach beobachten und staunen. Das freie Spiel kann quasi von uns gefördert bzw. angeregt werden, indem wir eine offene Spielatmosphäre schaffen, interessante Spielmaterialien zur Verfügung stellen und dem Kind dann soviel Freiraum wie möglich schaffen um frei spielen zu können. 


Hört sich gar nicht so kompliziert an, oder?