Donnerstag, 4. Oktober 2018

Freispiel -Warum freies Spiel so wichtig ist und Mütter kein schlechtes Gewissen haben müssen

Konflikt „Sinnvolles“ Spielen vs. Haushalt
 


Wir Mamas kennen ihn alle, den Konflikt „Sinnvoll Spielen“ mit dem Kind vs. Haushalt. Dies ist vermutlich eine typische Szene in unserem Familien-Alltag: Mama und Kind kommen nach Arbeit und KiTa (oder Schule) nach Hause. Das Kind läuft freudig ins Kinderzimmer und ruft „Mama, komm!“. Es möchte mit der Mama spielen, basteln, Bilderbücher lesen. Vielleicht möchte es auch einen Kuchen backen oder ähnliches. Die Mama würde nichts lieber tun, als das. Schließlich möchte sie Zeit mit dem Kind verbringen und es zudem „pädagogisch sinnvoll“ beschäftigen. Doch auf der To-do-Liste stehen noch viele andere Punkte: Staubsaugen, Bad putzen,  Wäsche waschen uvm. 


Und die Gesellschaft (oder wer auch immer) ist der Meinung, Mamas müssten beides gleichzeitig mit links hinkriegen. Der Haushalt soll perfekt sein, sonst gilt man als schmuddelig oder faul. Und das Kind soll an allen Ecken und Enden gefördert werden. Deshalb werden sie schon bevor sie bis Drei zählen können in immer mehr Kurse geschickt. Musikalische Früherziehung, Babyschwimmen und Pekip sind nur ein paar wenige Beispiele. Versteht mich nicht falsch, ich möchte hier diese Kurse keinesfalls verteufeln. Im Gegenteil, ich finde das Angebot für Kinder toll. Ich glaube nur, dass viele Mütter ihre Kinder aus den falschen Beweggründen dorthin bringen. Nämlich aus Angst, dass sie sonst nicht genug lernen könnten, den gleichaltrigen Freunden motorisch oder kognitiv hinterher sein könnten und sie dann als „dumme“ Schulkinder mit zwei linken Händen und Füßen enden. Dabei sollten diese Kurse besucht werden, weil das Kind evtl. einfach viel Freude daran hat. Kinderturnen, weil das Kind sich gerne bewegt und austobt. Musikalische Früherziehung, weil es gerne singt und musiziert oder Tänzerische Früherziehung, weil es sofort abgeht, sobald das Radio läuft. 


Das ist aber noch lange nicht genug. Abgesehen von den Kursen soll das Kind auch zu Hause unbedingt „gefördert“ werden und ausschließlich „pädagogisch sinn- und wertvoll“ beschäftigt werden. Da werden die tollsten Bastelarbeiten herausgesucht, schneiden mit der Schere geübt, der Name wird so oft geschrieben, bis auch schon das dreijährige Kind ihn nachmalen kann und den Müttern fällt ein Stein vom Herzen, wenn das Kind endlich die Fingerfertigkeit besitzt, einen 2-meterhohen Turm aus Bausteinen zu bauen (natürlich farblich sortiert). Das Kind wird von morgens bis abends angeleitet, bespielt und bespaßt. Auch wenn dies von den Eltern gut gemeint ist und sie nur das Beste für ihr Kind wollen, sorgen sie trotzdem unbewusst dafür, dass das Spiel des Kindes somit völlig fremdbestimmt ist.


Und nun kommen wir zu dem Ausgangsszenario bzw. dem Konflikt „Sinnvoll Spielen vs. Haushalt“ zurück. Bei all den Ansprüchen, die die Mütter (aufgrund des gesellschaftlichen Drucks) an ihre Erziehung (und somit an die Kinder) haben, können sie nur scheitern. Denn beides geht nicht. Zumindest bei mir nicht – da bin ich ehrlich! Entweder die Bude glänzt ODER mein Kind wird „sinnvoll dauerbeschäftigt“. Egal wofür wir uns also tagtäglich entscheiden, haben wir ein schlechtes Gewissen, weil das andere (vermeintlich) darunter leidet.



Doch damit möchte ich heute mal aufräumen!


Grundsätzlich finde ich, dass der Haushalt auch mal warten kann und würde mich im Zweifel immer lieber für die Zeit mit dem Kind entscheiden. Aber nicht zwangsläufig, weil ich das Gefühl habe, es ständig fördern zu müssen, sondern, weil ich die Zeit und das Spiel mit meinem Kind sehr genieße. Doch leider klappt das nicht ewig. Irgendwann türmen sich die Geschirrberge in der Küche, der Wäschekorb quillt über und die Wollmäuse auf dem Boden machen sich selbständig. Spätestens dann müssen auch diese unliebsamen Arbeiten also erledigt werden. 


D.h. das Kind ist „gezwungen“ alleine und völlig selbstbestimmt zu spielen. Mit dem Spielzeug, das es liebt, solange es Lust hat. Möglicherweise ganz ohne Förderung… Keiner, der ihm sagt, wie die Bausteine für den Turm angeordnet werden sollen. Der vorgibt, in welcher Farbe der Baum gemalt werden muss. Der aufschreit, weil das Kind zum (scheinbar) völlig „unpädagogischen“ Spielzeug greift. 


Für viele Eltern ein Horrorszenario… Doch für das Kind und dessen geistige Entwicklung ein Segen! Denn das Kind beginnt frei zu spielen.



Was genau heißt Freies Spielen eigentlich?


Freies Spiel heißt (wie schon angerissen), dass die Kinder den Spielort, das Spielmaterial, die Spielpartner und die Dauer des Spiels selbständig entscheiden dürfen.


Natürlich alles immer im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ein 3-jähriges Kind selbst entscheiden zu lassen, dass es (allein) am Bach hinter dem Haus spielen möchte, ist natürlich nicht möglich. Aber ob es im Kinderzimmer, Wohnzimmer oder im Garten spielen möchte schon.



Wofür ist es gut?


Nun ist die Frage, wofür das Freie Spiel nun gut ist. Die Hirnforschung bzw. der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagt:

Durch freies Spiel wird die Gehirnentwicklung maßgeblich gefördert. Und im Kind angelegte Fähigkeiten, Talente etc. werden herausgestellt und sichtbar.
D.h. das Spielen ohne jede (Förder-)Absicht sorgt für die beste Vernetzung im Gehirn.
Denn die Kinder schlüpfen (nicht nur im Rollenspiel) in unterschiedliche Rollen, betrachten vieles aus verschiedenen Blickwinkeln, entwickeln selbständig Problemlösungen und Strategien. So wird das Gehirn auf ganzheitliche Art und Weise stimuliert und vernetzt. Diese Prozesse sind wiederum essentiell wichtig, damit die Kinder überhaupt Kreativität entfalten können. 


Ihr seht, Spielen ist eigentlich mit ganzheitlichem Lernen gleichzusetzen. Und laut Gerald Hüther verfügen Kinder über ein sicheres Gespür dafür, welche Art von Spiel sie gerade weiterbringen kann. 


Hierzu möchte ich ein paar Beispiele aus dem Spielverhalten meines Äffchens besteuern:

Beispiel 1: Bauen



Sie spielt seit Wochen (fast) ausschließlich mit ihren Bausteinen. Es ging los damit, dass ein Turm nach dem anderen gebaut wurde, je höher desto besser. Doch immer nur mit den quadratischen Steinen, die anderen haben sie nicht interessiert. Seit neuestem sind die Türme vergessen, nun werden die Steckplatten im Muster (selbsterdacht) mit quadratischen Bausteinen bestückt. Und ganz neu (seit einigen Tagen) ist dieses Muster farblich sortiert. Unglaublich, was in diesem freien Spiel ganz ohne Förderung (von außen) passiert: 


-          Auseinandersetzung mit den Farben

-          Mathematisches, Strukturiertes Denken

-          Feinmotorik

-          Geschicklichkeit

-          Konzentration und Ausdauer



Beispiel 2: Puppenmama



Wenn das Äffchen nicht gerade mit den Bausteinen spielt, sieht man sie eigentlich immer mit ihren Puppen, oder „Babys“ wie sie sie liebevoll nennt. Sie füttert sie, bringt sie ins Bett, küsst, kuschelt und pflegt sie. Indem sie das an mir beobachtete Verhalten spiegelt und in ihrem Spiel umsetzt, vernetzen sich im Gehirn diese Wahrnehmung und das Tun zu einem komplexen Wissen über den (meist) liebevollen Umgang miteinander. Was also wird dadurch von ganz allein gefördert?


-          Sozialkompetenzen (Rücksichtnahme, Wertschätzung, Fürsorge, Liebe)

-          Abläufe im Alltatag / Zeitgefühl (Zu Bett gehen, essen)

-          Bindung


Beispiel 3: Puzzlen 
 
 

Vor dieser Bausteine-Puppen-Zeit hat mein Äffchen sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die momentan fast vollständig ausgeblendet sind. Z. B. mit Puzzlen. Hierbei hat sie sich Folgendes (nach ihrem Entwicklungsstand) schon angeeignet:


-          Formen erkennen

-          Augen-Hand-Koordination

-          Zusammengehörigkeit

-          Gegenstände benennen (je nach Puzzle)

-          Sprachentwicklung



Ist das nicht verrückt? Das alles ganz ohne irgendwelche Kurse oder groß angelegte Beschäftigungs- und Förderangebote!



Also liebe Mamas: Nach diesem kleinen Exkurs in die Gehirnforschung und die Entwicklungspsychologie ist eines völlig klar:


Wenn wir uns zwischendurch mal um den Haushalt kümmern, brauchen wir in Zukunft kein schlechtes Gewissen mehr haben! Denn das Kind wird auch im freien, eigenen Spiel genug gefördert, bzw. fördert sich schlicht und ergreifend selbst. Und das noch besser als bei allen Kursen und Angeboten. Es muss also nicht immer um sie herumgespielt, angeleitet und bespaßt werden. Ist das nicht schön? Die Kurse und Angebote können das ganze Lernen natürlich, weil sie auch Spaß machen und evtl. auf individuelle Fähigkeiten und Talente abgestimmt sind, noch schön abrunden. Solange genug Zeit für das Freispiel bleibt. 


Und wenn wir trotzdem mal keine Lust auf den (leidigen) Haushalt haben, können wir unser Kind im freien Spiel begleiten. Wir können Spielpartner sein (wenn das Kind das möchte), uns mit einbringen oder einfach beobachten und staunen. Das freie Spiel kann quasi von uns gefördert bzw. angeregt werden, indem wir eine offene Spielatmosphäre schaffen, interessante Spielmaterialien zur Verfügung stellen und dem Kind dann soviel Freiraum wie möglich schaffen um frei spielen zu können. 


Hört sich gar nicht so kompliziert an, oder? 


Kommentare:

  1. Ich muss dir in dem Thema voll und ganz beipflichten. Ich habe auch nicht immer Zeit, mit meiner Tochter zu spielen und ich muss ehrlich sagen, dass ich auch nicht gerne spiele. Wir spielen zwar Gesellschaftsspiele zusammen oder basteln mal was. Aber ich kann nicht auf dem Boden bei ihr sitzen und Rollenspiele mit ihren Figuren machen - sie kann es dafür umso besser. Manchmal vertieft sie sich so sehr in dieses Spiel, dass sie voll und ganz in diese Welt versinkt. Und ich finde das ist das, was Kindheit ausmacht. Nicht irgendwelche Förderung und Kurse und Leistung sondern einfach mal die eigene Fantasie ausspielen.
    Viele Grüße
    Wioleta von www.busymama.de

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    1. Richtig! Und die Fantasie entfaltet sich eben am Besten, wenn viel Freiraum dafür da ist 😊.

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  2. Ja, die Förderung und Begleitung von Kindern ist wichtig. Aber es ist utopisch anzunehmen, dies 24 h am Tag vollbringen zu können wenn man noch einen Alltag zu leben hat. Und ganz ehrlich : Vergessen wir über die ganze Erziehung und Förderung mal nicht, das Kind auch mal Kind sein zu lassen, denn das ist doch das schönste an dieser Zeit im Leben :) Ein toller Beitrag mit wieder mal sehr ehrlichen und realistischen Ansichten! Super!

    Liebe Grüße Kay
    www.twistheadcats.com

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    1. Vielen Dank! Genau Kind sein, das geht heutzutage immer mehr verloren.

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  3. Im freien Spiel sind die kreativsten Ideen enstanden bei uns. Das fördere ich bis heute bei meinen Kindern. Langeweile muss auch mal sein, da kommen die tollsten Blitzideen.

    Lieben Gruß, Bea.

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    1. Ja, Kreativität ist ein tolles Resultat aus dem Freien Spiel!

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  4. Es ist immer wieder schön zu sehen dass es uns allen gleich geht ;-). Ich finde es unmöglich all den Erwartungen gerecht zu werden. Außerdem halte ich es für nicht sinnvoll dass wir unsere Kinder ständig mit Freizeitprogrammen vollpflastern. Denn sie brauchen auch mal Zeit abzuschalten und frei zu spielen.

    Danke für deinen Beitrag und deine offenen Worte!
    lg
    Verena von www.avaganza.com

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  5. Huhu,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde es recht interessant, denn auch ich bin oft hin und her gerissen. Eigentlich kann meine Maus sich recht gut alleine beschäftigen, aber im Moment möchte sie am liebsten nur mit mir zusammen spielen und da bleibt viel liegen. Ich denke aber man sollte einen guten Mittelweg finden und das bekommen wir meisten auch hin :)
    Liebe Grüße Sabrina

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  6. Ich finde es sehr befremdlich, dass vielen Eltern scheinbar das freie Spiel erst schmackhaft gemacht werden muss. Warum muss immer alles ein Ziel und einen erkennbaren Nutzen haben? „Macht Spaß und schadet keinem“ reicht für mich völlig aus...
    Weder vor der Geburt noch danach bin ich auf die Idee gekommen, mein Kind beim Spielen (!) anleiten bzw. korrigieren zu müssen. Im Gegenteil, ich freue mich darüber, bekannte Dinge neu zu entdecken und anders zu verwenden als vorgesehen. Ich lasse mich gern auf die Experimente des Prinzen ein und bewundere die Kinderlogik :-)

    Trotz freiem Spiel muss der Haushalt bei uns allerdings warten – der Prinz braucht Publikum. Und quatscht beim Spielen unheimlich gern. Da lasse ich mich doch gern abhalten... ;-)

    Ich hoffe, Du kannst durch diesen Artikel vielen Eltern das schlechte Gewissen beim Freispiel nehmen!

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    1. Naja, alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind und der Druck ist groß. Da kann man schon mal über das Ziel hinausschießen. Ja, auch hier bleibt der Haushalt des Öfteren liegen, es macht ja auch so viel Spaß mit dem Kind zu Spielen. Und genau wie du, freue ich mich immer über eine Ausrede ;)

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