Donnerstag, 12. Juli 2018

Von Selbstbestimmung und kindlichen Entscheidungen

Wie schon in meinem Blogpost Entscheidungen - ja, nein, vielleicht... kurz erwähnt, treffen wir Menschen am Tag (laut Verhaltensforschern) ca. 20.000 Entscheidungen. Die Zahl haut mich wirklich immer noch um.

 
Aber nicht nur bei uns Erwachsenen, sondern auch im Alltag unserer Kinder gibt es viele Entscheidungen zu treffen: Was wird heute in die KiTa/Schule angezogen? Kleid oder Hose? Sandalen oder Gummistiefel? Was soll gefrühstückt werden? Wird mit dem Auto oder der Puppe gespielt? Soll gemalt oder getobt werden? Drinnen oder draußen gespielt werden? Im Sand oder auf der Rutsche? Wollen wir nach Hause gehen oder noch am Spielplatz bleiben? Soll das rote oder das grüne Sandförmchen gekauft werden? Fahren wir mit dem Fahrrad zum Einkaufen oder gehen wir zu Fuß? Und das ist nur eine kleine Auswahl an Fragen, die sich täglich stellen. Doch darf diese (oder andere) Entscheidungen wirklich mein Kind treffen? Wie selbstbestimmt darf mein Kind seinen Alltag (mit)gestalten? 

In vielen Köpfen kursiert die Annahme, dass es schneller und einfacher geht, den Kindern die Entscheidungen abzunehmen. Nach dem Motto: Wenn ich morgens bestimme, was in die KiTa angezogen werden soll, dann geht es schneller und außerdem weiß ich ja wohl eh am Besten, was gut ist, oder?

Dass mein Kind aber vielleicht ganz andere Vorstellungen hat und die blaue Jeans mit dem roten T-Shirt gar nicht anziehen möchte, weil sie viel mehr Lust auf die blaue Leggings mit dem rosafarbenen Kleid hat, das bedenke ich dabei nicht. Und dass das zu Unmut und Diskussionen oder gar zu ausgewachsenen Wutanfällen am frühen Morgen führen kann (weil das Kind noch nicht mit einer Abweichung seiner im Kopf vorgefertigten Programme umgehen kann), das vergesse ich dabei vielleicht auch. Da geht dann gar nichts schneller, im Gegenteil: Alles verzögert sich und die Nerven liegen auf beiden Seiten blank bevor der Tag erst richtig losgeht.

Und mal ehrlich: Ist es wirklich essentiell wichtig, dass die Jeans und das rote T-Shirt angezogen werden? Oder ist das nicht eine Entscheidung, die ich getrost meinem Kind überlassen kann? 

Regeln

Natürlich gibt es auch Entscheidungen, deren Asmaß/Folgen ein kleines Kind noch nicht absehen kann. Die Entscheidung meines Kindes, im tiefsten Winter bei Minusgraden nackt im Garten zu spielen, könnte ich z.B. nicht verantworten. Denn hier geht es um die Gesundhet, welche bei dieser Entscheidung durchaus gefährdet werden würde. Oder die Entscheidung, auf der Fahrbahn spazieren zu gehen, statt auf dem Gehweg oder ohne Helm Laufrad zu fahren. Das ist eine Frage der Sicherheit. Es gibt also durchaus Regeln, an die sich mein Kind halten MUSS, ob es diese nun gut findet oder nicht. 

Lernerfahrungen

Doch abgesehen davon gibt es so viele Gelegenheiten, dem Kind selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen. Denn was das Kind frühstücken möchte und ob es mittags erst die Bratwurst und dann die Kartoffel essen möchte oder umgekehrt, das ist doch völlig egal, oder? Ob es drinnen oder draußen spielen möchte ist höchstens umständlicher für mich, aber eigentlich völlig okay. Und was kann schlimmstenfalls schon passieren, wenn sich das Äffchen dazu entschließt, die Blumen im Garten mit dem Wasser aus der Regentonne zu gießen? Worst Case: Sie wird nass und muss umgezogen werden. Auch das ist kein Act, da steht mir nur meine Bequemlichkeit im Wege, wenn ich es nicht zulasse. 

Und ist es nicht auch wichtig, dass Kinder lernen, dass jede Entscheidung auch Konsequenzen mit sich bringt? Dass sie selbst ausprobieren und entdecken können? Z.B. dass die Füße nass werden, wenn sie mit Sandalen in die Pfütze springen, mit Gummistiefeln aber nicht? Dass man im Hochsommer mit der dicken Jacke bekleidet schwitzt, mit T-Shirt aber nicht? Oder dass man schlicht und ergreifend schneller wieder Hunger bekommt, wenn man nur ein Stück Wurst ist, nicht aber nach einer vollen Mahlzeit?

Und ist es nicht ebenso wichtig, dass sie lernen, wer A sagt muss NICHT B sagen? Dass sie sich auch mal umentscheiden dürfen, aus ihren Fehlern lernen und Entscheidungen berichtigen können und dürfen? Dass dann keiner kommt und besserwissend erklärt: Ich hab es dir ja gleich gesagt! All das könnten sie nicht lernen, wenn ihnen jede Entscheidung abgenommen werden würde. 

Erfolgserlebnisse

Anders herum ermögliche ich meinem Kind viele tolle Erfolgserlebnisse, wenn es Entscheidungen selber treffen darf. Wie z.B. dann, wenn es merkt, dass seine Entscheidungen hilfreich waren/sind. Dass es gut war, sich für einen Schirm zu entscheiden, weil es draußen regnet und es dadurch nicht nass wird. Oder dass das Auto ganz geblieben ist, weil es entschieden hat, es vorsichtig in die Spielzeugkiste zu legen, statt es zu werfen. 

Zudem fühlt es sich wertgeschätzt. Seine Meinung zählt und es gibt seinem Selbstbewusstsein einen kräftigen Schub, wenn es merken, dass wir ihm zutrauen, Entscheidungen selbst zu treffen.

Appell  

Ich möchte also hiermit an mich und an euch appellieren, unseren Kindern im Alltag Entscheidungsfreiräume und Möglichkeiten zur Selbst- und Mitbestimmung zu schaffen. Darin steckt unheimlich viel Lernpotenzial für die Kinder. Es wäre doch furchtbar schade, wenn wir ihnen diese Lernerfahrungen wegen Bequemlichkeit oder gut gemeinter, aber falscher Fürsorge nehmen würden, oder?


Wie ist das bei euch? Wo dürfen eure Kinder mit- oder selbst entscheiden? 



 

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