Samstag, 4. November 2017

Das große Herbst-ABC - K wie Kastanien-Paradies



Das große Herbst-ABC

K - Kastanien-Paradies

Wer liebt sie nicht? Die kleinen rotbraunen Früchte der Kastanie? Selbst mein Vater, also Äffchens Opa, war als Kind schon fasziniert davon. Er hat ein abenteuerliches Erlebnis aus seiner Kindheit rund um die Kastanie für euch niedergeschrieben. Ich fand es so spannend, dass ich die Luft angehalten habe. Aber lest selbst:


"Ich glaube sie wurden mir schon in die Wiege gelegt. Denkbar wäre es, denn ich habe die Faszination für die runden Nussfrüchte nie verloren. Sie sind groß genug,  dass man sie nicht verschlucken kann, giftig sind sie auch nicht und Kleinkinder können sie wunderbar greifen. Auf jeden Fall spätestens als ich laufen konnte sind wir, mein Vater oder meine Mutter, mein großer Bruder Erich und ich vor die Gartentüre um sie zu sammeln.





























Vor unserem Haus
Wir wohnten nämlich direkt an der Hauptstraße unserer Kleinstadt, die auf der gegenüberliegenden Seite mit alten, großen Bäumen gesäumt war. Mindestens die Hälfte davon waren Kastanien. Schon im Frühsommer beobachteten wir den Wuchs der Blütendolden und freuten uns schon auf den Herbst, wenn die Früchte endlich reif waren. Natürlich konnten wir es nicht erwarten. So musste Vater, mit einem Holzscheit bewaffnet, die Jagd nach den begehrten Objekten antreten. Er schleuderte das Scheit mit Wucht in die hohen Bäume, in der Hoffnung eine Fruchtdolde zu treffen. Ab und zu ist es gelungen und wir rannten auf die Straße und klaubten die stacheligen Dinger auf. Keine Angst, es war zwar die Hauptstraße, die nach Osten Richtung Eger führte, aber in den fünfziger Jahren kamen sehr selten Autos. In einer Stunde konnte man sie an beiden Händen abzählen. Dann puhlten wir die teilweise noch weißen Früchte aus ihrer stacheligen Schale. Als die Früchte schon reifer und die Schale schon etwas aufgeplatzt waren, prasselten sie bei einem Treffer regelrecht auf die Straße und wir hatten alle Hände voll zu tun. Wenn ausgerechnet dann doch einmal ein Wagen anrollte und einige Kastanien platt fuhr, waren wir sehr aufgebracht und traurig und riefen dem Fahrer mit geballter Faust nach. Es gab aber auch Autofahrer, die extra anhielten und warteten bis wir alles in Sicherheit gebracht hatten.

Kastanien-Paradies - Da waren die Bäume noch kleiner

Unserem Haus gegenüber, hinter einer zirka zweieinhalb Meter hohen Mauer, auf einem Hügel, standen zwei große Villen, eine davon war mit einem großen Park umgeben, der zur Straße hin, als Sichtschutz, mit großen Bäumen und Sträuchern bewachsen war. Natürlich standen auch dort wirklich riesige Kastanienbäume. Da sie etwas nach hinten versetzt waren, fielen praktisch keine Kastanien auf die Straße. Wegen der Hanglage rollten die meisten der Früchte nach unten zur Mauer, wo sie in einem kleinen Graben liegen blieben. Der Rolf und der Wewe, Erichs Freunde, schwärmten uns von einem Kastanien-Paradies vor, wo man nur in den Graben an der Mauer fassen musste und beide Hände voller Kastanien hatte und das so oft man wollte. Uns schien das etwas übertrieben und so wollten wir dieses Paradies selber erkunden.

Nun war das aber gar nicht so einfach. Zum einen war da die hohe Mauer, auf der auch noch ein Lattenzaun angebracht war und zum anderen waren die beiden bestimmt zwei Meter hohen Eingangstüren fast immer verschlossen. Wenn sie einmal offen waren, führte eine mit der Mauer umgebene Treppe hinauf zu den eigentlichen Eingangstüren zum Park, die aber zusätzlich mit Stacheldraht bewehrt und somit unüberwindbar waren. Die niedrigste Stelle ins Paradies lag rechts neben den Gartentüren, die aber nur Erich und das mit großen Anstrengungen überwinden konnte.
Das war aber noch nicht alles. Zwar gab es in diesem Paradies keine böse Schlange, aber zwei große, gefährlich aussehende, laut bellende Schäferhunde, die gerne am Zaun entlang streiften. Wir haben sie des Öfteren von unserem Zimmer unterm Dach unseres Hauses beobachten können, wussten aber auch, dass es längere Phasen gab, in denen sie in ihrem Zwinger eingesperrt waren.

Eines Tages im Herbst war es dann so weit. Die Kastanien waren schon überreif und es hängten nur noch wenige an den Bäumen. Eine der unteren Türen stand offen und von den Hunden war weit und breit nichts zu hören und zu sehen. Wir sahen uns an und nickten. Wir hatten die Expedition ins Paradies schon x-mal durchgespielt. Zuerst den alten Kartoffelsack aus dem Keller holen, über die Straße, die Treppen rauf zu den oberen Türen. Erich lehnte sich mit dem Rücken rechts an die Mauer und machte die Spitzbubenleiter. Ich stieg in seine gefalteten Hände, auf seine Schultern und schwang mich auf die Mauer. Dort hielt ich inne, aber die Luft war rein. Erich zog sich am Mauerrand hoch. Noch einmal lauschen. Nichts. Und jetzt kam der lang ersehnte Sprung ins Kastanien-Paradies.

Wir hatten uns schon darauf verständigt uns nicht zu weit von der rettenden Stelle an der Mauer fortzubewegen. Unten angekommen, es waren nur zwei bis drei Meter, kam der spannende Augenblick. Wir griffen in den Graben und tatsächlich: jede Menge Kastanien und viele rote, braune und gelbe, bereits abgefallene Blätter. Wir mussten unsere spontanen Jubelrufe unterdrücken. Da wir uns nicht unnötig lange in der gefährlichen Zone aufhalten wollten, machten wir uns gar nicht die Mühe die Kastanien von den Blättern sorgfältig zu trennen. Wir fingen an den mitgebrachten Sack zu befüllen. Es war wirklich so wie Erichs Freunde erzählten. Wir mussten nur zwei, drei Meter an der Mauer entlang und wir hatten den Jutesack schon halb voll. Wir schwelgten in unserem Glück. Wie im Paradies eben!

Plötzlich hörten wir Gebell. Wir erschraken ordentlich und waren wie erstarrt. Horchten erst einmal, denn es konnte ja sein, dass die Hunde in ihrem Zwinger aufgeschreckt wurden. Das Bellen kam aber näher. Wir griffen den halb gefüllten, schweren Sack und hasteten einige Male stolpernd den Graben entlang und hinauf zur niedrigen Stelle in der Mauer. Erich warf den Sack nach oben und gab wieder die Spitzbubenleiter. Ich trat in seine Hände und rutschte das erste Mal ab. Sch….! Neuer Versuch! Es klappte. Die Hunde kamen vom Hügel herab immer näher. Auf die Schulter und auf die Mauer. Nun Erich. Wir hatten im Vorfeld natürlich nicht damit gerechnet, dass das Terrain hinter der Mauer, wenn auch nur einige Zentimeter tiefer lag. So tat sich Erich schwer die Kante der Mauer zu greifen. Es gelang dann endlich, aber die Hunde rasten schon den Graben entlang. Nur noch zwei Meter. Wären die Hunde am steilen Stück zur Mauer nicht ausgerutscht, hätte es mein Bruder wohl nicht mehr geschafft. Unser Herz überschlug sich und pochte bis zum Hals. Obwohl wir oben auf der Mauer bereits in Sicherheit waren, sprangen wir schnell auf das Aufgangsplateau, rasten die Treppe hinunter und weder links noch rechts schauend über die Straße. Erst als wir unten in unserem Garten auf der Rückseite des Hauses völlig außer Puste angekommen waren, kamen wir zur Ruhe.

Liebevoll strichen wir über den mehr als halb mit Kastanien und Blattwerk gefüllten Sack und griffen mit beiden Händen hinein und wühlten überglücklich über unsere Beute in den Kastanien. Noch heute, fast sechzig Jahre später, zaubert nur eine einzige, glatte, etwas feuchte und frische Kastanie in meiner Hand ein strahlendes Lächeln auf mein Gesicht."

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