Dienstag, 26. September 2017

50 Stunden – ein Geburtsbericht



Wie versprochen bekommt ihr heute den Geburtsbericht von der lieben Susann vom Blog kleinermilchbart

Die Geburten unserer Kinder hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber lest selbst:
 

50 Stunden – ein Geburtsbericht



Montag. Ein sonniger Tag im März- 4 Tag vor dem errechneten Geburtstermin- ich saß im Wartezimmer meiner Frauenärztin. Das CTG ist schon geschrieben. Unauffällig ruhig. Dabei hatte ich seit der 28. Woche immer wieder Wehen- musste mich schonen - doch auf einmal: Ruhe. Meine Hebamme tastet den Muttermund- Fazit: Geburtsunreif. Keine Geburt in Sicht. Meine Frauenärztin konnte das nur bestätigen. Sie sagte, "Wir sehen uns am Freitag, da ist der errechnete Geburtstermin. Es ist das erste Kind, Sie gehen bestimmt über den Termin." Ich nehme den Termin, doch meine innere Stimme sagt mir, du wirst ihn nicht brauchen. 


Was mir allerdings blühte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.



Am Abend zuvor hatten wir die letzten Handgriffe im künftigen Babyzimmer gemacht- alles war fertig. Alles war bereit. Mein Pünktchen konnte kommen. Naja nun sah es nicht nach einer Geburt aus. Mein Herzensmann nahm es gelassen. Wir haben den Tag gemütlich gemeinsam verbracht, waren einkaufen und spazieren. Wie sooft in den letzten Tagen war ich schon früh am Abend müde und wir kuschelten uns ins Bett. Schnell schlief ich ein, nachdem mein Pünktchen nochmal kräftig getreten hatte. 


Dienstag. 0:30. Ich wachte auf. Es war alles nass zwischen meinen Beinen. Das halbe Bett dazu. Ich überlegte noch- ist das Fruchtwasser? Oder hab ich eingepinkelt? Letzteres war übrigens während der gesamten Schwangerschaft mein Horror-Szenario. Ich weckte meinen Herzensmann. Leichtes Ziehen begleitete mich auf den Weg ins Bad. Laut einer Statistik starten nur 10 Prozent der Geburten mit einem Blasensprung, alle anderen hatten einfach einen Wehenbeginn. Nach meinem Faible für Zahlen und Statistiken hatten wir die Tage zuvor noch gewitzelt. "Hallo, Mrs. 10 Prozent", begrüsste mich mein Herzensmann. Nach einer Dusche und einem Anruf in der Klink haben wir uns auf den Weg gemacht. Ich hatte leichte Wehen alle 10 Minuten. Alles gut auszuhalten, aber mein Herz klopfte bis zum Hals. Es geht los. Mein Pünktchen will ein Milchbart werden. Mir war schlecht. Schlecht vor Aufregung. In der Klinik wurde erstmal ein CTG geschrieben. Keine wirklich kräftigen Wehen. Der Blasensprung wurde allerdings bestätigt und deshalb musste ich in der Klinik bleiben. Der Herzensmann wurde heim geschickt - und ich ins Bett.


"Sie werden die Kraft noch brauchen."


Wie recht die Hebamme haben würde, war ihr wahrscheinlich selbst nicht bewusst. Mir übrigens ebenso. Das erste Kind. Völlig ahnungslos. Aber voller Vorfreude.

8:00 Mein Herzensmann war zurück in der Klinik und wir wurden zum Spazieren geschickt. Durch das ganze Klinikum- hin und her, hoch und runter, durch den Park. Alle zwei Stunden CTG. Keine Geburtswehen, obwohl die Abstände schon kürzer wurden- etwa alle 5 Minuten hatte ich Wehen, die langsam stärker wurden, aber gut zu ertragen. Eine Hebamme gab meinem Mann den ultimativen Tipp um die Wehen für mich erträglich zu machen.


"Massieren Sie Ihrer Frau das Kreuzbein bei jeder Wehe, das macht es erträglich"


Ob Sie den Tipp gegeben hätte, wenn sie gewusst hätte, wie lang er das machen muss. Man kann es nur erahnen. Mir tat es gut und fortan forderte ich bei jeder Wehe diese wohltuende Massage ein. Ohje. Wir liefen und liefen. Eigentlich Schade, das ich kein Fitnessarmband anhatte, es wäre bestimmt einiges an Kilometern zusammengekommen.


18:00 Das letzte CTG, die letzte Untersuchung. Es sind weiterhin 5 Minuten. Der Muttermund ist unreif für eine Geburt. Aber die Schmerzen kommen langsam, weil die Kräfte langsam schwinden. Keine Geburt in Sicht. Bei einem Blasensprung in der 39. SSW, werden normalerweise 24 Stunden abgewartet, ob der Körper selbst die Geburt einleitet. Voraussetzung alle Blutwerte und das CTG sind ohne Befund. Passiert in diesem Zeitraum nichts, dann wird mit Wehenmitteln nachgeholfen. Nach 24 Stunden steigt das Risiko von aufsteigenden Bakterien. 


"Morgen früh leiten wir ein, wenn bis dahin nichts passiert. Schlafen Sie nochmal und tanken Sie Kraft"


Schlafen? Daran war nicht zu denken! Der Herzensmann machte sich erneut auf den Heimweg.  Wir versprachen uns, er würde kommen, sobald sich etwas ändert. Weit gefehlt. Mein Pünktchen war aktiv wie nie. Aber es passierte nichts. In meinem Zimmer litt bereits eine andere werdende Mama unter der Einleitung. Sie hatte schon heftige Wehen- die zwar Schmerzen brachten, aber die Geburt nicht einen Millimeter voran. Sie quälte sich. Ohje und das sollte mir morgen blühen. Irgendwann dämmerte ich weg um alle 5 Minuten mit meinen Wehen zu erwachen.


Mittwoch 8:00 Kaum geschlafen. Langsam erschöpft, ging es los mit der Einleitung. Es gab Tabletten. Zwei kleine weiße Tabletten sollten jetzt also helfen. Naja, mir war es recht. Weil es gestern so schön war, ging es wieder spazieren. Hin und her, hoch und runter und durch den Park. Die kleinen Wunderpillen wirkten langsam. Die Abstände verkürzten sich auf 3 Minuten. 


11:00 Juhu, der Muttermund öffnet sich langsam. Wenn auch nur 2 cm aber besser als nix. Das CTG war weiter unauffällig. Unser Pünktchen hatte keinerlei Stress. Was für eine entspannte Natur! Zur Sicherheit gab es nochmal zwei von den Wunderpillen. Die Schmerzen wurden langsam mehr. Ab jetzt gab es zudem alle 4 Stunden eine Tropf mit Antibiotika, wegen des Infektionsrisikos durch Bakterien. 


14:00 Meine Wanderschaft setze ich im Kreissaal fort. Hin und Her. Von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür. Schichtwechsel. Eine neue Hebamme kommt zur Tür herein und stellt sich vor.


"Mögen Sie ein Bad? Das wird sie entspannen"


Entspannen? Ich glaube, das ist das Letzte was ich gerade kann. Entspannen! Aber okay, ich mag baden. Warum also nicht? Also ab in die Wanne, auch hier forderte ich bei jeder Wehe meine Kreuzbeinmassage ein. Es war schön in der Wanne. Ich fühlte mich wohl. Doch irgendwann wollte ich raus.


17:00 Eine weitere Untersuchung. 7 cm. Es geht vorwärts. Leise kommt die Frage auf, werden wir heute unser Kind in den Armen halten? Die Hebamme lächelt nur milde. 


"Haben Sie Geduld, der größte Teil des Weges ist schon gegangen"


Geduld ist ja meine absolute Stärke... Nicht! Ich bin ungeduldig. Ich hab am liebsten alles nach Plan. Und so langsam soll es aufhören. Die Frage nach der PDA verneine ich, denn die Schmerzen sind wirklich noch okay. Aber die Kraft lässt nach. Tapfer veratme ich Wehe um Wehe. 


22:00 Los jetzt gebt mir eine PDA- jetzt tut es verdammt weh. Doch erstmal Schichtwechsel. Meine Hebamme, die ich in den letzten 8 Stunden wirklich liebgewonnen habe, verabschiedet sich. Oh man, gerade jetzt hätte ich sie brauchen können. Eine neue Hebamme schwebt leichtfüßig in den Raum. Sie ist frischgeduscht- die Nachtschicht. Sie untersucht. Ich hoffe auf eine PDA, auf etwas ohne Schmerzen.


"Es tut mir Leid für eine PDA ist es zu spät. Aber wir haben noch andere Mittelchen"


Zu Spät? Das ist doch nicht der Ernst? Es tut wirklich weh! Dann will mein Herzensmann tatsächlich auch noch auf Toilette. "Nichts da, du bleibst hier! Immerhin hast du uns die Sch*** eingebrockt", höre ich mich sagen. Es sind minütliche Schmerzen. Der Muttermund ist komplett geöffnet. Wow... als einem jemand Nadeln in den Rücken rammt. Dazu habe ich das Gefühl von Verstopfung- der schlimmsten, die ich jemals hatte. Die Schwester bring mir Lachgas! Im Nachhinein betrachtet ein wirklich tolles Zeug. Man zieht durch eine Maske, das Gas ein und dröhnt sich weg.  Man entspannt völlig. Dadurch lässt man die Maske los und atmet wieder normale Luft. Dabei wird man sofort wieder klar im Kopf. Dann setzt man die Maske wieder auf und atmet tief das Gas ein und es beginnt von vorn. Man kann Lachgas auf diese Weise nicht überdosieren und trotzdem nimmt es etwas den Schmerz


Donnerstag 1:00 So ich hab genug. Ich habe keine Lust mehr. Ich würde jetzt am liebsten gehen.  Die Wehen sind stark wie nie. Ich habe Angst, das mir der Popo platzt. Ich bin mitten in der Austreibungsphase. Die Presswehen zwingen mich zu drücken. Gefühlt Sekündlich... und plötzlich... 


"Da sind keine Wehen mehr"


Ohje... das klingt nicht gut. Ich bin am Ende, schweißgebadet und der Verzweiflung nah- nur mein Pünktchen ist unbeeindruckt. Das CTG ist trotz des Wahnsinns der letzten Stunden fantastisch. Die Ärztin wird geholt. Der Wehentropf wird gelegt und ich bekomme eine neuerliche Dosis Wehenmittel. Nichts tut sich. Langsam kommt es wieder in Fahrt. Auf jede Presswehe warten wir... gefühlt Stunden. In Wirklichkeit Minuten. Das raubt mir die letzte Kraft. Millimeter um Millimeter kämpft sich mein Pünktchen voran. Sie will ein kleiner Milchbart werden. Dann um 3:08 kommt dieser Wahnsinnsmoment. Es macht "Plopp" und mein Baby wird geboren. Ich bin geschafft, am Ende den Tränen nicht nur Nahe, ich liege mittendrin. Der Herzensmann nabelt unser Baby ab, dieses kleine Wesen. Ich bekomme unsere Tochter auf den Bauch gelegt. Ich bin glücklich. Ich weine. 


... und dann wird alles schwarz.


Ich trete weg. Das Letzte was ich gesehen habe, ist mein Kind. Mein Wunschkind. Dann wird es hektisch. Ärzte und Hebamme springen aufgeregt umher. Sie suchen einen Zugang in meinem Arm, in meiner Hand. Finden nichts. Mein Herzensmann und das Baby haben sie bei Seite gestellt. Er muss zuschauen und bangen. Ich verliere jede Menge Blut. Die Ärztin suchen noch immer verzweifelt einen Zugang. Die Hebamme aktiviert einen alten Zugang, spült ihn und endlich fließt eine isotonische Lösung und ein Medikament in meinen Körper. Der Dämmerzustand löst sich. Ich weiß nicht ob es Sekunden oder Minuten waren. Ich bin bin wieder voll da. Ich suche mit den Augen mein Baby. Meinen Herzensmann. Er schaut verzweifelt. Wir lächeln uns an.


 "Wir nähen Sie jetzt noch und dann haben Sie es geschafft."


Es klingt makaber, aber dieses Nähen, war schlimmer als die gesamte Geburt. Es tat weh wie verrückt. Ich hatte Risse von vorn nach hinten. Ich hätte mir gewünscht, sie hätten das gemacht, als ich weggetreten war. Immerhin kann ich behaupten, ich habe ein komplett neues Design bekommen. Mit viel, viel Lachgas habe ich das Nähen überstanden. 


"...und jetzt kuscheln sie erstmal."


Endlich, endlich kam unser Moment. Mein Baby, mein Herzensmann und ich. Ich bekam mein Baby in den Arm und konnte es genießen. Wir schauten uns lange an. Wir bestaunten uns. Meine Tochter wurde angelegt. Sie saugte. Ganz unbeholfen, aber zärtlich. Mein kleines Pünktchen ist ein kleiner Milchbart geworden. Das Schönste und Beste was wir geschaffen haben. Endlich hat es begonnen unser Leben zu dritt- einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin. 


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